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NAPOLEON IST SCHULD (12/2020)
 

Napoleon ist schuld!
Familienmythos versus Fakten

Fast jeder Mensch interessiert sich für seine Vorfahren - früher oder später. Ich habe mich früher und später für meine familiäre Herkunft interessiert. Von den Verwandten väterlicherseits habe ich als junger Mensch auf entsprechende Fragen die Antwort bekommen, dass Vorfahren von uns aus Frankreich nach Deutschland eingewandert seien. Ein Hinweis darauf sei auch, dass sich unser Familienname „Maier“ schreibt und nicht wie seinerzeit üblich „Mayr“, weil sich Maier einfacher in Französisch aussprechen lässt.

Vor einigen Wochen habe ich mich dem Thema "Vorfahren" wieder zugewandt. Aufgrund verschiedener Unterlagen konnte ich feststellen, wann mein Großvater väterlicherseits, Alois Maier, geboren wurde und hatte die Vermutung, dass der Geburtsort Pfaffenhofen wäre. Vor kurzem habe ich dann Xaver Holzhauser gegenüber erwähnt, dass ich versuche, einen Stammbaum meiner Familie zu erstellen, aber nicht so recht weiterkomme. Daraufhin übersandte mir Xaver Links zu entsprechenden Archiven im Internet. Leider waren diese Quellen für mich nicht zu gebrauchen, weil ich weder deren Systematik verstand, noch die alten Handschriften lesen konnte. Bei einem Besuch und einem Glas Moselwein nahm sich dann Xaver selbst meiner Fragen an.

Bald stellte sich heraus, dass mein Großvater nicht wie angenommen in Pfaffenhofen geboren war. Aufgrund einer Niederschrift der Grabrede anlässlich der Beerdigung dieses Großvaters konnten wir feststellen, dass sein Geburtsort Deisenhofen bei Krumbach war. Und siehe da, schnell konnte der Taufeintrag in den dortigen Pfarrmatrikeln gefunden werden. Aber jetzt ging's erst richtig los! Immer tiefer drang Xaver in die Welten der Matrikeln, Familienbücher und so weiter ein. Vom Großvater zu dessen Ahnen und weiter wiederum zu deren Vorfahren und so landeten wir schließlich bei meinem Ururgroßvater Joseph Mayr, geboren am 19. April 1807. Und da kam die große Überraschung: Mutter dieses Vorfahren war eine Frau namens Theresia Mayr, 25jährige katholische Magd in Deisenhausen, und der Vater - quelle surprise! - ein französischer Soldat namens David Bedeau vom 76. Infanterieregiment!

Ein Besatzungssoldat der napoleonischen Armee war also Stammvater meiner Vorfahren. Damit war der Mythos von französischen Einwanderern nach Deutschland geplatzt. David Bedeau hatte schlicht und ergreifend das Herz von Theresia erobert und mit ihr einen Stammhalter gezeugt, der in gerader Linie mit mir verwandt ist. Weitere Recherchen von Xaver haben ergeben, dass der Name Bedeau typisch für die Normandie oder Bretagne ist.

Die Ironie des Schicksals setzt aber noch einen drauf! Der Urenkel von David Bedeau, also mein Großvater Alois Mayr/Maier, war in seinem Zivilleben Werkmeister bei der Deutschen Reichsbahn. Als Soldat im Ersten Weltkrieg wurde er in den Ort Jeumont abkommandiert und war dort als Besatzungssoldat für vier Jahre Chef des dortigen Bahnhofs. Der Ort liegt übrigens im Norden Frankreichs. Nach zuverlässigen Berichten meiner Verwandten hatte mein verheirateter Großvater dort das Herz einer Französin gewonnen und war über die gesamte Besatzungszeit mit ihr so heftig liiert, dass er angeblich erwog, gar nicht mehr zu seiner Ehefrau und den vier Kindern in Deutschland zurückzukehren. Ob er allerdings einen Stammhalter in Frankreich hinterlassen hat, ist nicht bekannt. Vielleicht sind diese Ereignisse ja wiederum Ausgangspunkt für einen Familienmythos in Frankreich?
Die Schreibweise unseres Familiennamens war übrigens bis etwa 1900 „Mayr"; erst zu Zeiten meines Großvaters wurde sie zum heutigen "Maier" geändert.

E. Maier, Bobingen, Dezember 2020




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