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DER ERSTE BOBINGER MAYENBAUM (4/2019)
 

Der erste Bobinger "Mayenbaum", 

Zum 50jährigen Stadtjubiläum wird heuer nach 2015 wieder ein Maibaum von der Kolpingsfamilie Bobingen aufgerichtet werden. Den ersten Maibaum stellte der Verein 1929 bald nach seiner Gründung auf. Dass es bereits 100 Jahre früher einen Maibaum in Bobingen gab, war bisher gänzlich unbekannt. Er wurde zu einem ganz besonderen Anlass auf dem heutigen Kirchplatz, dem damaligen Dorfmittelpunkt aufgestellt: der bayerische König Ludwig I. und seine Gattin Therese unternahmen vom 28. August bis zum 4. Sept. 1829 eine Huldigungsreise durch das noch nicht lange bayerisch gewordene Schwabenland von Nördlingen bis Lindau und kamen dabei am 30. August auch durch Bobingen. 

Davon erfahren wir zum Teil aus dem offiziellen Reisebericht, den 1830 Johann Julius Freiherr von Ecker von Eckhoffen (1796-1848) verfasst hatte. Dieser, bekannt auch als Autor von zahlreichen Schauspielen, wohnte seit 1826 im "Oberen Schlösschen". Seine zweite Frau hatte das Anwesen vom Straßberger Gutsherrn Johann Michael Schöppler als Heiratsgut erhalten, daher wohl auch die besondere Erwähnung des dortigen vorbildhaften Schöppler´schen Ökonomiegutes im Reisebericht. Auch die Bobinger Gemeinderechnungen beinhalten Ausgaben für den königlichen Besuch: Zimmermeister Gruber errichtete 2 "Triumpfbögen" und 2 "Piramitten", wohl Baldachine mit pyramidenförmigen Dach, worunter vermutlich die örtlichen Würdenträger Platz nehmen oder die königlichen Kutschen Halt machen konnten. Kaspar Gruber, auch als Mitglied der Bobinger Kirchenmusik bekannt, erhielt einen Gulden und 48 Kreuzer aus der Gemeindekasse als "Trompeter der Vorreiter bei des Königs Durchreise."

Die Nachricht über den ersten Bobinger "Mayenbaum" jedoch finden wir - welch ein glücklicher Zufall! - in der relativ kurzzeitig erschienenen Augsburger Zeitschrift "Ahasverus, der ewige Jude".
Unter dem Titel "Ahasver´s Wanderungen" erzählt der Berichterstatter am 30. Juni 1830 von seiner Reise durchs Augsburger Umland, preist das von Lozbeck´sche Schlossgut in Hardt als lohnenswertes Ausflugsziel, mokiert sich über den schlechten Zustand der Wertachbrücke nach Großaitingen, auch über zwei dortige Wegweiser, die in grün, anstatt in den Nationalfarben blau und weiß gehalten waren. Über die Hochstraße kommt er dann  "nach Bobingen, wo ich einen sehr zierlichen = mit den Brustbildern des Königs und der Königinn geschmückten Mayenbaum sah, auf dem folgende Worte angebracht sind:

Der Maybaum hier soll Euch andeuten, 
Von G´meind Schulden freye Zeiten,
Bald fällt die Last, - drum freut Euch Brüder,
Und singet frohe Mayenlieder;
Denn dies ist Euch zur größten Ehr,
Nur machet keine Schulden mehr."

Der Maibaum dürfte 1829 oder 1830 anlässlich des königlichen Besuchs aufgerichtet worden sein.  Leider finden sich dazu keinerlei Belege in den Bobinger Gemeinderechnungen, vielleicht also eine Stiftung der damaligen Schlossbesitzer von Zabuesnig oder Schöppler? Die damaligen äußerst hohen Schulden zahlreicher Gemeinden kamen von den enormen Belastungen durch die Napoleonischen Kriege, verbunden mit Truppendurchzügen, Einquartierungen und Verwüstungen. Bobingen hatte 1812 sehr hohe Schulden, die bis 1830 durch teilweisen Waldverkauf, Veräußerung von befristeten Abholzungsrechten im Gemeindewald, sowie Steuern und Umlagen getilgt wurden

die Friedhofsmauer, und 

Interessant erscheint auch eine weitere Bemerkung des Wanderers:
"Diesem Mayenbaum gegenüber pranget ein herrliches Schulhaus, auch seufzet ein Teil der naheliegenden Friedhofs=Mauer um Wiederaufbau und Verschönerung, was für die Zierde
dieses schönen Schulhauses zu wünschen wäre."
Das "herrliche Schulhaus", 1827-28 nach Plänen von Joh. Michael Bischoff (1773-1844, Bau-Inspektor des Oberdonaukreises) an Stelle zweier alter Wehrtürme errichtet, war später auch Rathaus, Polizeistation und ist heute der Sitz der Bobinger Sozialstation. Als ein Stadtbild prägendes Bauwerk müsste es eigentlich längst unter Denkmalschutz stehen.

das für die Durchfahrt des Königs abgebrochene Vorzeichen der Liebfrauenkapelle

In einer weiteren Ausgabe der Zeitschrift vom 23.10.1830 berichtet der jüdische Wanderer noch einmal von Bobingen: 
"Besonders befremdete mich hier, daß an der obern Kapelle das Vorzeichen, das ich mir doch so lebhaft vorstellen konnte, abgebrochen, und nicht einmal die durch den Abbruch entstandene Beschädigung des Giebels verbessert und verweißnet sey. Da ich mir nicht erklären konnte, warum auf diese Art dem Regen Eindrang in die Kapelle gestattet, und die Kapelle selbst einer Zierde beraubt wurde, so fragte ich den neben derselben arbeitenden Bauersmann um die Ursache jenes Abbruches, und erfuhr, daß schon im Jahre 1829 auf Befehl des königl. Landrichters K.... in Schw. - und des Regierungsrathes B......g bei der Durchreise Sr. K. Majestät dieses Portal zur Erweiterung der Straße abgebrochen werden mußte, jedoch mit dem Versprechen, daß auf königl. Kosten ein kleineres erbaut werden sollte; allein bis daher geschah nichts, wenn gleich durch die Witterung täglich die Kapelle großen Schaden leidet."

Die Größe des ursprünglichen Vorzeichens ist auf einem Kupferstich der 1750/51 neu erbauten Kapelle zu erahnen (siehe Foto unten). Die Abbildung zeigt ein deutlich größeres Vorzeichen als das heutige auf der Westseite der Kapelle. Geht man von einem Abbruch im Sommer 1829 aus, so dauerte es etwa 3 Jahre, bis wieder ein neues Vorzeichen errichtet wurde. Der Beschluss dazu wurde erst am 12. November 1831 gefasst. Die Arbeiten übernahm Steinmetz Joh. Martin Ott aus Füssen.; die Kosten in Höhe von 201 Gulden sollte je zur Hälfte die Staatskasse und die Kapellen-Stiftung übernehmen.

Franz Xaver Holzhauser, März 2019

Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Bobingen, Gemeinderechnung 1828/29, S. 45: Triumphbögen, S. 46: Trompeter Gruber, S. 60: Piramitten
ebd., Gemeinderechnung 1827/28, Beleg 125: Anteilige Zahlungen an Kreisbauinspektor Bischoff für den Plan zur neuen Schule
ebd., Beschlussbücher 1831-34, S. 15, 12.11.1831: Die Errichtung eines Portals an der oberen Capelle durch den Steinmetz Ott in Füssen per 201 fl. betr. 
Pfarrarchiv Bobingen, Genealogisches Familienregister 1816, Nr. 9, Nr. 37-1/2: Schulhaus, Nr. 9: Oberes Schlösschen, Nr. 108: Unteres Schlösschen
Staatsarchiv Augsburg, Rentamt Schwabmünchen, 926/I, Grundsteuerkataster Bobingen, Hausnr. 9: Oberes Schlösschen 1826

Ahasverus, der ewige Jude, Augsburg, 30.6.1830, S. 1 f. u. 23.10.1830, S. 3 Reisebericht
Augsburger Tagblatt, Nr. 255, S. 1084, 16.9.1844: Todesanzeige Joh. Michael Bischoff

Kolping-Bildungswerk, Diözesanverband Augsburg e.V. (Hg.), Kolpingwerk Diözesanverband Augsburg Geschichte Teil 3 (194-1945), Simone Herde: Die Entwicklung der katholischen Gesellenvereine/Kolpingsfamilien in der Diözese Augsburg vom 1. Weltkrieg bis zum Ende des 3. Reiches (1914-1945), Kolping-Verlag Köln, 1998. S. 202 ff.
Julius Freiherr von Eckker von Eckhoffen: Huldigungen des Ober-Donau-Kreises. II. Theil.  Enthaltend die Reise ihrer königl. Majestäten vom 28. August bis 4. September 1829. Augsburg, 1830. S. 13 f.
Theodor Rolle: König Ludwig I. fährt durch Bobingen, in: Pötzl / Wüst (Hg.): Bobingen und seine Geschichte, Bobingen 1994. S. 625 f.
ebd., S. 626: Brustbilder des bayerischen Königspaares
ebd., S. 616 ff., Peter Fassl: Bobingen im neuen bayerischen Staat (1803-1850), Schuldentilgung




Kupferstich Liebfrauenkirche




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