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BRUNNENUNFÄLLE IN BOBINGEN (2/2019)
 

In den letzten Tagen (Januar 2019) bangte die Welt um den kleinen Julen, der im spanischen Totalán in einen unfassbar tiefen und engen Brunnenschacht gestürzt war. Vergeblich hoffte man auf einen glücklichen Ausgang. Auch im alten Bobingen passierten ähnliche Unfälle, die heute noch erschauern lassen. Als es noch keine moderne Wasserversorgung gab, wurde das kühle Nass aus Brunnen geschöpft. Vor allem bei den Anwesen auf der Hochterrasse musste dafür tief gegraben werden.

Ein Mirakelbuch aus Biberbach (Heilig-Kreuz-Wallfahrt) berichtet uns vom Brunnen-Unfall eines Kindes im Jahre 1728, der glimpflich ausgegangen war:

"Nicht minder wundersam war jene Gnad so ein vierthalb-jähriges Kind von Bobingen Christian Zacharias Dochtermann genannt, von dem Heil. Creutz erhalten, welches in einen 12. Klaffter tieffen Gumpper hinab gestürtzt, in welchem, ohneracht die Teichel auf allen Seiten mit viel Spreißlen angesprissen waren, woran das Kind, auch ehe es das Wasser erreichet, den Kopf zerschmettern, oder den Hals hätte brechen sollen, dannoch das arme Kind länger als ein halbe Stund gantz wundersam erhalten worden, dan die erste Leiter, so man hinab gelassen, brach zusammen, bis man endlich mit der anderen zu dem Kind hinab kommen, da man selbes gefunden bis an den Mund im Wasser stehend, und das Hüthlein in die Höhe hebend. Wurde demnach ohn allen Schaden frisch und gesund herauf gezogen, Zweiffels ohne wegen grossem Vertrauen der Mutter Maria Sibylla, welche, so bald sie das Kind fallen sahe, alsobald dem H. Creutz eines Schreyens zugeschryen, und für ihr armes Kind in diser äussersten Lebens-Gefahr ein Heil. Meß, samt einem Opfer in Stock hieher verlobt. Dessen seynd Gezeugen einige Herren Geistliche, so darbey gewesen, und dise Wunder-Sach selbst mit angesehen haben. 1728."

Ein "Klafter" entspricht 1,75 Meter. Der "Gumpper" (= Brunnen) war demnach über 20 Meter tief. Die "Teichel" ist ein hölzernes oder bleiernes Wasserrohr. Christian Zacharias war das dritte von fünf Kindern der Krämer-Familie Dochtermann und wurde am 24.10.1724 in Bobingen getauft. Sein Zweitname bezog sich auf Großvater Zacharias Kapeter, damaliger angesehener Bobinger Bader und Wundarzt, der zwei Anwesen in der Nähe des mittleren Schlösschen besaß.

Von einem weiteren tragischen Unfall vor 270 Jahren
berichten die Sterbematrikeln der Pfarrei Bobingen. Dieser führte sogar zu einer bildlichen Darstellung im Deckenfresko des Chores unserer 1750/51 erbauten Liebfrauenkapelle:

"Percipe amice lector!" (Vernimm, geneigter Leser!) So beginnt der außergewöhnlich lange und ausführliche lateinische Eintrag im Sterberegister vom 2.2.1749. Jakob Mittlayder hatte am 1.2. seinen Brunnen (im heutigen Schlössleweg) reparieren wollen, als dieser plötzlich über ihm zusammenstürzte. Auf einer Leiter stehend, wurde Mittlayder vollkommen mit Steinen und Erde verschüttet. Man hörte ihn aus der Tiefe um Hilfe rufen und begann nach ihm zu graben. Als die Rufe verstummten, nahm man tragischerweise an, dass Mittlayder verstorben sei und stellte die Rettungsarbeiten ein. Am nächsten Tag wollte man den vermeintlichen Leichnam bergen, vernahm jedoch erneut schwache Hilferufe. Nach 12 Stunden wurde Mittlayder schließlich, immer noch auf der Leiter stehend, geborgen. Auf die Frage, wie er diese Strapazen überleben konnte, verwies der Gerettete auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria, starb allerdings kurz danach.
28 Mitbürger hatten bei der Rettungsaktion geholfen. Als Entlohnung durften sie zweimal beim Wirt und Bräu Joh. Georg Schöllhorn ("Cosimo-Sini-Schlösschen") einkehren. Die Kosten dafür in Höhe von 6 Gulden und 2 Kreuzern übernahm je zur Hälfte die Witwe und die Gemeinde Bobingen.

Recherchiert und zusammengestellt von Franz Xaver Holzhauser, Bobingen
Stand: Januar 2019

Quellen und Literatur:
Pfarrachiv Bobingen, Tauf- und Sterbematrikeln
Stadtarchiv Bobingen, Gemeinderechnung 1748/49
Stadtarchiv Augsburg, AHV 47, Steuerbeschreibung 1701, S. 337 f.
Staatsarchiv Augsburg, HA, NA, Lit. 72, Nr. 145, S. 209 ff.

Keller, Johann Joachim, Das Spöttlich Verschmähte, Aber Wiederum Glorreich Erhöhte Creutz, Das Ist: Ausführlich- Und Warhafte Beschreibung Von Der Herkunft, Anfang, Wachsthum Und Fortpflantzung Der Weit-Berühmten Wallfahrt Deß Heiligen Creutzes Zu Marckt-Biberbach In Schwaben. Augsburg: Wolff, 1751, S. 221 f.
http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10398465-6




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